Ich denke jeder, der in den späten 1990er Jahren ICQ genutzt hat, denkt hin und wieder sehnsüchtig an den nervig-freundlichen “ah-oh”-Sound und das Blumen-Icon zurück. Ich tue das zumindest. Aber ist es wirklich ICQ, das ich vermisse?
Für alle, die ICQ nicht kennen oder vergessen haben: ICQ (von I seek you) war ein früher Instant Messenger, der 1996 von Mirabilis veröffentlicht wurde. ICQ fand schnell weite Verbreitung. Zumindest in meiner Bubble war der Messenger in der Schulzeit das Kommunikationsmittel der Wahl.
Vorher habe ich als Fasttracker II-User noch in IRC-Chats abgehangen, in denen Chiptunes geteilt wurden. Das war auch sehr spannend aber ICQ war mit seinen Sofortnachrichten und fest vergebener Nummer schnell eine Standardsoftware beim Systemstart. Plötzlich schienen sich alle aus meinem Umfeld auf ICQ als Kommunikationskanal geeinigt zu haben.
Das ICQ-Protokoll war offen und es gab eine Menge an Clients, auch wenn es offiziell nicht erlaubt war. Zum Beispiel habe ich Miranda genutzt, einfach weil es viel ressourcenschonender lief und der Rechner damit 10 Minuten schneller hochgefahren ist. Mindestens.
Mit dem Aufkommen von Smartphones und WhatsApp verlor ICQ dann zunehmend an Bedeutung und damit auch User. Als am 26.4.2024 der Betrieb dann endgültig eingestellt wurde hat mich das aber schon irgendwie mitgenommen. Ein paar Jahre vorher habe ich mir aus Spaß nochmal die iOS Version installiert und versucht, meine Freunde davon zu überzeugen, dass wir doch umsteigen könnten. Naja. Keiner hat mitgemacht und wir hätten die Entwicklung eh nicht aufhalten können.
Ich habe mich aber gefragt, was ICQ für mich so besonders gemacht hat, dass ich immer noch meine ICQ-Nummer auswendig kann und so gute Erinnerungen daran habe. Und ich glaube es ist wie mit vielen anderen nostalgischen Themen: das Tool selbst hat gar nicht so viel damit zu tun und es ist eher die Zeit der ich hinterher trauere.
Was ICQ besonders gemacht hat, war dass man den Client gestartet hat und bei einer neuen Nachricht direkt eine Push-Mitteilung bekommen hat. Ähnlich also einer SMS oder WhatsApp Nachricht. Man konnte auch Dateien hin und her schicken und im weiteren Verlauf sogar kleine Spiele im Client spielen. Zu Zeiten in denen man noch 29 Cent pro SMS-Nachricht verballert hat, war das schon cool aber heutzutage kann das halt auch jedes Tool. Wahrscheinlich sogar meine elektrische Zahnbürste.
Aber weniger als an die Features denke ich eher an die Art der Kommunikation, wenn ich an ICQ zurückdenke. Um ins Internet zu gehen, musste man noch einen Computer anschalten, ein riesen Ungetüm mit Röhrenmonitor, das über den Telefonanschluss mit dem Internet verbunden war. Das Internet war also in gewisser Weise ein Ort zu dem man sich bewegen musste. Und wenn man nach der Schule dort war und die ICQ-Blume grün war, bedeutete das, dass man Zeit hatte um sich von irgendwem über Musik, Liebeskummer oder Filme zuquatschen zu lassen. Das Rezept für meinen Pizzateig hab ich übrigens auch über ICQ bekommen.
Ich glaube, hier liegt der größte Unterschied: Wenn ich heute eine Nachricht abschicke, weiß ich nicht, wo ich den Menschen gerade erreiche, es ist mir auch ein Stück weit egal. Wir haben unser Smartphone immer mit dabei und meine Nachricht wird ohne Rücksicht auf Verluste auf das Display des Empfängers geballert. Ob er will oder nicht. Sofern ich nicht stummgeschaltet wurde.
Ich nutze die Desktop-Version von Signal und WhatsApp und mit ein paar Freund:innen nutze ich sie auch wie ich damals ICQ genutzt habe aber es ist nicht das Gleiche. Das Internet ist schneller geworden und wir sind permanent erreichbar.
Irgendwie glaube ich, dass uns die (Un)tätigkeit des Idlens irgendwie abhangen gekommen ist. Wir haben viel zu tun, arbeiten, recherchieren oder spielen ein Spiel aber ich habe das Gefühl dass die besten Chats zustande gekommen sind, wenn man sich gemeinsam gelangweilt hat. Ich versuche das immer noch in meine Woche zu integrieren aber Push-Mittteilungen auf allen Kanälen und nicht zu wissen, ob jemand gerade gar keine Zeit für belanglosen Musik/Herzschmerz/Film-Talk hat macht die Kommunikation irgendwie anders und dringlicher.
Mittlerweile sind wir es gewohnt, schnell auf Nachrichten zu reagieren, teilweise weil unser Gegenüber dringend auf eine Antwort wartet oder ohne unsere Antwort nicht weiterarbeiten kann. Aber naja, vielleicht liegt es auch nur an meinem FOMO: ich könnte schließlich die nervigen Apps stumm stellen oder mit Freund:innen Termine zum Online-Abhängen ausmachen. Vielleicht mach ich das auch.